Sonntag, 8. Dezember 2019

Dr. Jutta Tloka // Guter Hoffnung

Im Advent ist sie schon hochschwanger. Das Laufen fällt etwas schwer, die Hausarbeit lässt sie kurzatmig werden. Warum ausgerechnet jetzt diese Reise antreten? Das erste Kind – und sie soll es so weit weg von zuhause auf die Welt bringen. Dennoch: sie sind gut vorbereitet, sie und ihr Verlobter. Und sie haben besonders gut zugehört, die Glückwunsche aufgesogen und die guten Ratschläge aufgenommen. Vor allem: Sie wissen genau, welches Geschenk ihnen zuteil wird.

Aber: Haben sie ihr damals, im Advent, alles erzählt?

Nein, natürlich haben sie nicht alles erzählt.

Wer kann wirklich von dem Glück erzählen, wenn sie das Neugeborene endlich in ihren Armen hält? Wie berauschend es geradezu ist, wenn die ersten Besucher kommen, das Glück mit ihr, ja, mit der ganzen Welt, zu teilen? Wie sie sich ehrfürchtig dem Kind nähern, mit vorsichtigen Blicken, ihm Glück wünschen, seine Geburt bejubeln, Geschenke bringen?

Ach, von all dem anderen aber haben sie auch nicht erzählt: keiner erzählt vom schmerzhaften Stillen der ersten Zeit, keiner vom Windelwechseln, keiner von den durchwachten Nächten, vom fiebrigen Kind und seinen ersten Sorgen.

Und wer erzählt davon: Sie ist es, die mit dem Kind das Laufen üben wird, die ihm Lieder vorsingt und mit ihm die ersten Gebete spricht. Sie ist es, der sein erstes Lächeln gilt und seine erste Umarmung!

Und dann wird jener Tag kommen, wenn er so um die 12 Jahre alt ist, dann wird er lieber mit anderen zusammen sein, sich woanders heimisch fühlen – und niemand hat sie und seinen Vater auf diesen Schmerz vorbereitet, auf die Sorgen bei der Suche nach ihm, auf den Stich, den seine Ablehnung hervorruft.

Doch das wird noch nicht alles sein. Immer mehr werden andere um ihren Sohn herum sein. Ständig hat er Begleiter um sich, die ihr – seiner Mutter! – immer wieder sagen werden, wer er eigentlich ist. Es ist kaum noch möglich, ihn mal in Ruhe zu sprechen. Immer mehr werden sie über ihn und seine Taten berichten; und seine Worte werden sie weitertragen wie kostbare Edelsteine.

Auch davon hat ihr niemand erzählt. Denn wer kann wirklich von dem Gefühl erzählen, wenn man das eigene Kind nicht beschützen kann – und sei es nur für einen einzigen Tag!

Maria aber, im Advent, die sich auf die Reise macht – Maria weiß von alledem nichts.

Aber sie ist guter Hoffnung

für ihr Kind,

für die Welt,

für sich.

Bild: Stocksnap / pixabay.com

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