Samstag, 7. Dezember 2019

Sjauke Beythien // Weihnachten – Die Anprobe

Weihnachten - Die Anprobe

von Vikarin Sjauke Beythien

Das Jahr kommt an sein Ende, und da ist es wieder: Das gute alte Weihnachten. Passt mir das eigentlich noch?

Anfang Dezember hole ich den Karton mit der Weihnachtsdeko vom Dachboden herunter. Ein freudiges Wiedersehen mit den bunten und goldenen Schätzen, die ich in meiner Wohnung verteile. Beim Auspacken und Aufhängen bemerke ich: Einer der Fenstersterne hat einen abgeknickten Zacken. Bei einem Lichterbogen hat einer der elektrischen Kerzen einen Wackelkontakt. Und die aufgedruckten pausbackigen Engel auf dem Tischläufer – die sehen irgendwie ganz schön kitschig aus. Etwas unzufrieden lasse ich meinen Blick über die geschmückte Wohnung schweifen. Passt mir das eigentlich noch?

Mitte Dezember, es wird höchste Zeit, die Geschenke zu besorgen. Ein bisschen Nippes, ein bisschen Süßkram, eine Verlegenheitsflasche Rotwein für den netten Nachbarn, und für den Rest gibt es Gutscheine. Das Einpacken lasse ich gleich in den Geschäften erledigen, aber das Kartenschreiben steht noch an. Genau 27 Mal wünsche ich in blauer Kugelschreibertinte „Frohe Feiertage und einen guten Rutsch“. Nach getaner Arbeit trage ich den Wäschekorb mit den fertig vorbereiteten Päckchen und Umschlägen in die Abstellkammer. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wer welchen Gutschein kriegen sollte: Meine Schwiegermutter den von der Fußpflege und Tante Helga den vom Italiener oder umgekehrt. Aber ist ja eigentlich auch egal, Hauptsache, man hat an Heilig Abend etwas zum Überreichen. Passt mir das eigentlich noch?

Am 24.12. bin ich wie üblich bei meinen Eltern zu Besuch. Erst gibt es Plätzchen und Stollen, später dann Bescherung und Kartoffelsalat. Aber zwischendurch steht noch ein alljährlicher Pflichttermin an. Mal schauen, ob die Kirche noch steht. Ob sie wieder dieselben Krippenfiguren aufgestellt haben und wieder der große Herrnhuter Stern über dem Eingang hängt. Der Kirchenraum ist überfüllt. Nach 20 Minuten bin ich neidisch auf die, die nur einen Stehplatz abbekommen haben, weil die alten Holzbänke so unbequem sind. Beim Krippenspiel entstehen unnatürliche Sprechpausen, weil es nur ein Mikrofon gibt, das weitergereicht werden muss. Dann fängt der Pfarrer an zu reden und mir geht durch den Kopf: Was mache ich hier eigentlich? Passt das überhaupt noch zu mir? Früher einmal, da konnte Weihnachten mich richtig verzaubern. Da hat sie mich gerührt, diese etwas linkische und doch so eifrige Darbietung der Krippenspielkinder. Da hatte ich noch Herzklopfen, wenn ich endlich ins Wohnzimmer kommen und den geschmückten Baum und die vielen Geschenke bestaunen durfte. Woran mag es liegen, dass Weihnachten sich inzwischen so anders anfühlt? Habe nur ich mich verändert? Oder ist es auch das Fest selber, das – trotz all der Traditionen, die wir pflegen – nicht das Gleiche geblieben ist? Ich erinnere mich an Menschen, die zu den Weihnachtsfeiern meiner Kindheit dazugehörten. Im Fotoalbum sitzen sie noch mit uns an der Kaffeetafel. Lachen, essen Kekse und helfen mir, dem kleinen Mädchen, beim Geschenkeauspacken. Doch in der Wirklichkeit fehlen sie. Die Zeit verändert alles, und sie macht auch vor Weihnachten nicht Halt.

Ein Rascheln und Rumoren reißt mich aus meinen Gedanken. Der Pfarrer hat zu Ende gesprochen, der Gottesdienst ist fast vorbei und für das letzte Lied stehen alle auf. Oh du fröhliche, oh du selige gnadenbringende Weihnachtszeit. Junge und alte, laute und leise Stimmen vereinen sich zu der vertrauten Melodie. Ich singe mit und lausche gleichzeitig auf den silbrigen Klang des Zimbelsterns. Und merke auf einmal, dass ich Gänsehaut bekommen habe.

Nachdem der letzte Ton verklungen ist, strömen die Menschen aus der Kirche. Ich schlüpfe in meinen Anorak, ziehe mir Mütze und Handschuhe über und mache mich auf den Heimweg. Es ist dunkel geworden, ich gehe im orangegetönten Licht der alten Straßenlaternen und über mir funkelt der Sternenhimmel. Vorm Gartentor meiner Eltern hole ich eine alte Nachbarin ein, die ebenfalls gerade aus der Kirche kommt. Sie bleibt stehen – schaut mich an – braucht einen Moment, um mich wiederzuerkennen. Dann gleitet ein Lächeln über ihr Gesicht. „Frohe Weihnachten!“, wünscht sie mir und schüttelt meine Hand. „Frohe Weihnachten!“, antworte ich. Ich öffne das Gartentor, gehe hinüber zum Haus und krame den Schlüssel hervor. Und während ich die Tür aufschließe, merke ich, dass ich ein kleinwenig Herzklopfen habe.

Bild: denise-johnson / unsplash.com

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