Donnerstag, 5. Dezember 2019

Sebastian Schmidt // Advent im Friseursalon

Amir nimmt das Rasiermesser in die Hand. Vorsichtig legt er die Klinge auf mein Gesicht und beginnt mit der Rasur. In gekonnten Bewegungen gleitet das Messer an meiner Wange hinab. Während der Rasur sprechen wir kein Wort. Dafür wäre Amir ohnehin zu konzentriert. Bei jedem Besuch bewundere ich aufs Neue, wie sorgfältig er arbeitet. Ich entspanne mich und schließe die Augen.

In dem Moment wird die Tür des arabischen Friseursalons geöffnet. Zwei Männer treten ein, die sich aufgeregt unterhalten: „Ich kann diesen Weihnachtsmarkt nicht ertragen. Die ganze Innenstadt ist voll von Essensbuden und Verkaufsständen. Alles viel zu eng. Und an jeder Ecke gibt es diesen Weihnachtskram.“ „Ja, stimmt“, sagt der andere, „überall Lebkuchen, Glühwein, Sterne und Kerzen … naja, immerhin haben wir hier erstmal unsere Ruhe.“

Einen Moment lang frage ich mich, was der Mann damit meint. Doch dann geht mir auf, worüber er spricht. Während in allen Geschäften die Schaufenster überladen sind von Girlanden, Sternen und Kugeln findet sich in Amirs Friseursalon nicht ein einziger adventlicher Gegenstand. Kein Weihnachtsmann und keine rote Schleife.

„Bitte schön!“, sagt Amir und reißt mich aus meinen Gedanken. Die Rasur ist beendet. Er reicht mir meine Brille und schwenkt einen Spiegel rund um meinen Kopf, damit ich das Ergebnis betrachten kann. „Perfekt“, sage ich und denke mir dazu: „Wie immer!“ Nach dem Bezahlen geben wir uns die Hände. „Mach‘s gut.“ „Bis bald.“ Wir lächeln uns an.

 Beim Rausgehen fällt mir wieder das undekorierte Fenster des Salons auf. Und mir kommt ein Gedanke. Obwohl Amir nicht mal einen Stern oder eine Girlande in seinem Laden hat, spüre ich hier viel von dem, was für mich die Adventszeit ausmacht. In seinem Laden werde ich immer nett begrüßt. Ich fühle mich willkommen, auch wenn viele Menschen hier arabisch sprechen und mir die Kaligraphien an den Wänden fremd sind.

Nicht die geschmückten Fassaden und nicht allein die Lieder und die Feiern machen die Adventszeit aus, sondern die Gastfreundschaft untereinander; auch unter den Religionen. Das Hereinbitten eines Fremden in das warme Haus. Komm rein. Ruh dich aus. Hier bist du willkommen.

Bild: Andi Whiskey / unsplash.com

 

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