Mittwoch, 4. Dezember 2019

Witho Kreibohm // Die Zeitreise

Nachts um halb drei in einer Zeitreisenden-Bar

„Das mit der Zeitreise war eine blödsinnige Idee“, sagte Josef. „Hätte mir die Zukunft anders vorgestellt.“ Und er deutete auf die schäbige Bar. Im schummrigen Licht sah man zerschlissene Polstermöbel und fleckige Tische.

„Der Wein zu Hause ist auch besser“, pflichtete ihm der Mann gegenüber bei. Er trug einen purpurroten Umhang und eine Krone, die ihn als Kaiser des Römischen Reiches auswies.

Josef schnaubte und zog seinen eigenen einfachen Wollumhang enger um sich.

 „Kaiser Konstantin, ich habe das Gefühl, egal was ich sage, Ihr stimmt mir immer zu. Woher kennt Ihr mich eigentlich?“

Und er wandte sich an die dritte Person am Tisch, die eine Jeans und einen Pullover trug. Der Kragen eines Collarhemdes wies ihn als Pastor aus.

„Das war doch kein Zufall, dass ihr mich auf die Zeitreise mitgenommen habt.“

„Na, es gibt da so ein Buch…“, druckste der Pastor herum.

„Über Jesus“, fiel ihm Kaiser Konstantin ins Wort.

„Jesus?“, fragte Josef. „Noch nie vom ihm gehört.“

„Berühmter Typ“, sagte der Pastor ausweichend: „Er steht für den Frieden in der Welt.“

„Und darüber hinaus“, ergänzte Kaiser Konstantin.

„Hm“, machte Josef und verfiel ins Schweigen. „Und den feiert ihr jetzt?“

„Seine Geburt wird gefeiert“, sagte Konstantin.

„Und die ist jetzt?“, fragte Josef.

Der Pastor hob abwehrend die Hand: „ Nein, nein, das hier ist der Advent. Die Freude über seine baldige Ankunft. Die Geburtstagsfeier ist erst in ein paar Wochen.“

„Hm“, sagte Josef abermals und lauschte den Klängen von ‚Last Christmas‘, die aus einem der Lautsprecher unter der verrauchten Decke kamen. „Eine merkwürdige Art zu feiern.“

Plötzlich lachte er laut auf: „Wisst ihr, was witzig ist? Meine Frau ist gerade schwanger und sie möchte das Baby, wenn es ein Junge wird, auch Jesus nennen.“

Kaiser Konstantin, der gerade an seinem Wein nippen wollte, prustete stattdessen ins Glas.

„Was für ein Zufall“, sagte er hustend.

„Ja, wir haben beschlossen, die Geburt ganz groß zu feiern, weil es ja sonst niemand tut“, sagte Josef immer noch lächelnd.

„Äh?“, fragte Kaiser Konstantin und verschluckte sich schon wieder fast an seinem Wein. „Wie kommst du da drauf?“

„Na“, Josef strich über den fleckigen Tisch. „Zu uns einfachen Leuten passt so was wie dieser Raum hier. Alles ein bisschen heruntergekommen und quasi schon vergessen, während wir noch da sind. Der da“, und er deutete auf den Lautsprecher, der nahtlos von ‚Last Christmas‘ zu ‚Alle Jahre wieder‘ gewechselt hatte, „ist garantiert in einem Palast geboren. So wie Ihr, Kaiser Konstantin, Euren Namen kennt in 2000 Jahren garantiert noch jeder. Aber mein Kind? Wer soll sich schon an den Sohn eines Zimmermanns aus Galiläa erinnern? Was könnte so einer schon Erinnerungswürdiges anstellen?“

Kaiser Konstantin, der bei dem Versuch, den restlichen Wein nicht auch noch über dem Tisch zu verteilen, rot anlief, schob das Glas weit von sich. Er schluckte.

„Du irrst“, sagte er leise.

 

Bild: Hugo Kelle / unsplash.com

Vikar Maximilian Chmielewski

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