Donnerstag, 3. Dezember 2020

Louisa Frederking // Zu früh

Ich bin zu früh da. Anfang Dezember bereitet sich die Geburtskirche in Bethlehem auf ihren großen Auftritt erst vor. Um die Kirche zu betreten, muss ich den Kopf einziehen, so niedrig ist die Tür. Gebeugt steige ich über die hohe Steinstufe in den großen Raum. Leer ist er und doch gefüllt: mit leisem Gemurmel, Kerzen- und Weihrauchduft. Keine Menschenschlangen in der Kirche. Kein Aufgebot von Patriarchen, Bischöfen und Priestern, die gleichzeitig in unterschiedlichen Ecken ihre Messen zelebrieren.

Ich bin zu früh da – und das ist mein Glück. Ohne warten zu müssen, steige ich die Steinstufen hinab, schiebe den schweren Vorhang zur Seite – und bin schon drin: in der Geburtsgrotte. Ein niedriger Raum, in den Felsen gehauen und in schummriges Licht getaucht. Die steinigen Wände sind weich und glänzen von den Berührungen unzähliger Hände. Ein goldener Stern auf dem Boden markiert die Geburtsstätte Jesu, beschienen von schimmernden Öllampen.

Andere Gläubige sind mit mir in der Grotte. Vielen ist anzumerken, wie sehr sie diesen Moment herbeigesehnt haben. Manche knien nieder, beten. Manche beugen sich hinab und küssen diesen heiligen Ort, legen ihre Hände, ihre Stirn auf den Stern im Boden.

Und ich? Stehe da und merke, dass mich etwas trennt von dieser Ergriffenheit. Ich hätte nichts gegen ein heiliges Schauern – aber nichts passiert.

Ich bin zu früh da – mitten im Advent stehe ich an der Krippe. Wo, wenn nicht hier, sollte ich spüren, dass Weihnachten naht?

Mir ist kalt, als ich die Kirche verlasse und über den zugigen Platz laufe. An einer Bäckerei bleibe ich stehen – und werde von Sami angesprochen. Er verkauft Tee in der Gasse um die Ecke. Geschützt vor dem Regen nehme ich unter einem Torbogen auf einem wackeligen Plastikstuhl Platz und warte. Um mich herum Hauseingänge und weitere Stühle. Am Ende der engen Gasse knattert ein Motorrad vorbei. Sami serviert ein Glas Tee, gefüllt mit Zitronenscheiben und Salbeiblättern, frischer Minze, Ingwer und einem Stück Zimtstange.

Ich bin zu früh in Bethlehem – und doch für einen Moment ganz da.

Bild: analogicus / pixabay.com

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