Montag, 2. Dezember 2019

Sonja Sophie Brosig // Der Weihnachtsmuffel

Der Weihnachtsmuffel

von Vikarin Sonja Sophie Brosig

„Bah, Humbug“. Missmutig wandert sein Blick hoch zu der Fassade des Fachwerkhauses, an der gerade die alljährliche Weihnachtsbeleuchtung befestigt wird. Glühbirnen, die später mit ihrem warmen Licht Sterne und Tannenbäume formen. Die die Straße überspannen und für festliche Stimmung sorgen sollen. „Bah, Humbug“. Seine Augen kehren zurück auf das trübe Nass des Asphalts der Straße vor ihm. Von Weihnachtsbeleuchtung hält er nichts. Unnötige Geldverschwendung. Was den anderen daran gefällt, versteht er nicht. Weihnachten hat schon lange seinen Reiz verloren. Besinnlichkeit – „Bah, Humbug.“

Er geht weiter. Sein Ziel ist der nächste Supermarkt. Rein – raus. Das Nötigste einkaufen. Für mehr reicht seine Rente sowieso nicht. Muss sie ja auch nicht. Es gibt niemanden, den er noch versorgen muss. Seit Jahren schon ist er allein. Nur selten kommt mal jemand von seinen Freunden vorbei. Er ist alt geworden.
Bevor das Selbstmitleid zu groß werden kann, wird sein Weg schon wieder unterbrochen. Als er den Marktplatz überqueren will, muss er Lastwagen und Anhängern ausweichen, auf denen die Buden für den Weihnachtsmarkt transportiert werden. Hier und da stehen auch schon die ersten Stände. Vor dem Rathaus wie immer der Glühweinstand, links davon wird es wieder Bratwurst geben. Das ist jedes Jahr dasselbe. Mal nach links, mal nach rechts muss er seinen graden Weg verlassen. Durch die erzwungenen Umwege kommt er nicht umhin, einen Blick auf die bald zum Verkauf stehenden Waren zu werfen. Desinteressiert betrachtet er Wollsocken, Schnitzereien aus Olivenholz, bunte Kerzen. „Bah, Humbug.“

Da fällt sein Blick auf eine Kiste mit Krippenfiguren. Als er noch ein kleiner Junge war, hatten sie zu Hause ganz ähnliche. Aus lackiertem Kiefernholz. Stundenlang konnte er vor den kleinen Figuren sitzen. Und jedes Jahr wieder beobachtete er gespannt, wie an der Krippe den Advent über immer mehr Figuren dazu kamen. Und er erinnert sich noch heute an seine Begeisterung, wenn dann endlich das Jesuskind in der Krippe lag. Mit der Zeit war dann eine Figur nach der anderen verloren gegangen. Bis irgendwann nur noch ein einsamer Esel übrig blieb. Aber jetzt, als er dort in der Kiste Maria und Joseph, die Könige in ihren bunten Gewändern, die Engel und Hirten, den winzig kleinen Jesus und natürlich Ochsen und Esel sieht, spürt er eine Sehnsucht in sich wachsen, die er schon lange nicht mehr gefühlt hat.

Als er seinen Weg fortsetzt, beschließt er im Stillen, dieses Jahr dem Weihnachtsmarkt doch mal wieder einen Besuch abzustatten. Den Stand mit den Krippenfiguren würde er sich gerne ansehen. Und vielleicht, ganz vielleicht, würde er sich dann eine der Figuren kaufen. Plötzlich spürt er den Wunsch, dieses Jahr zumindest das Jesuskind wieder in die Krippe legen zu können.

Als er nach Hause kommt, geht er zuallererst in den Keller. Da muss er doch noch irgendwo liegen. Und als er ihn findet, trägt er ihn liebevoll nach oben in seine Wohnung, wischt ihn mit einem weichen Tuch ab und stellt ihn mitten auf den Tisch. Den alten Esel.

Bild: congerdesign / pixabay.de

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