Freitag, 25. Dezember 2020

Johannes Hagenah // Warten und Ankommen

Karl sitzt an der Haltestelle und wippt unruhig mit dem Fuß. Irgendwann muss der Bus doch kommen. Er soll ihn nach Hause bringen. Da will er ankommen. Ankommen. Was für ein schönes Wort. Er sagt es mehrmals laut, damit es ihm nicht entgleitet. Zwei Menschen gehen vorbei. Karl würde sie gerne fragen, wann der Bus kommt, aber ihm fehlen die Worte. Also sitzt Karl und wartet.
Eine junge Frau kommt auf ihn zu. „Herr Pilarski, ist Ihnen nicht kalt?“ Er schaut auf seinen zitternden Arm und weiß nicht, was er sagen soll. Doch er lässt sich von der freundlichen Frau mitnehmen. Sie gehen in ein Haus, das er nicht kennt.

Karl sitzt wieder an der Haltestelle. Sein Fuß wippt. Der Wind raschelt mit braunen Blättern in der Ecke des Häuschens. Irgendwann beginnt eine Laterne zu leuchten. Bestimmt wird der Bus bald kommen. 
Ein Mann spricht ihn an: „Herr Pilarski, es gibt Essen. Kommen Sie.“ Aber Karl will nicht. Er will jetzt nach Hause. Er hält sich an dem kalten Metall der Bank fest. Dann spürt er eine Hand. Eine freundliche Hand. Sie streichelt ihm sanft über den Arm. Karl lässt los und geht mit dem Mann in ein Haus, das er nicht kennt. 

Karl sitzt wieder an der Haltestelle und wartet. Ein Mann in einem dicken Mantel setzt sich neben ihn. „Bist du wieder an deinem Lieblingsplatz?“, fragt ihn der Unbekannte. Karl wendet langsam den Kopf zu ihm hin. Er weiß nicht, was er sagen kann. Karl blickt ihn nur an. Eine Weile sitzen sie dort nebeneinander.
„Lass uns ein paar Schritte laufen, Papa“, sagt der Mann. Sie gehen in einen Raum mit bunten Fenstern. Ein kleiner Baum mit vielen Lichtern steht vorne. Daneben steht jemand und redet. Seine Worte fliegen an Karl vorbei.

Doch dann erklingt Musik. Und Karl findet die Worte und manchmal auch die Töne dazu. „Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all.“ Karls Gesichts leuchtet. Seine Füße stehen ruhig auf dem Boden. „Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht, der Vater im Himmel für Freude uns macht.“ Der Unbekannte nimmt ihn in den Arm. Ein schönes Gefühl. Ein bisschen wie zu Hause. Ankommen. Was für ein schönes Wort. Er sagt es mehrmals laut, damit es ihm nicht entgleitet.

Morgen wird er wieder warten.

Bild: Mourad Saadi / unsplash.com

 

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