Sonntag, 22. Dezember 2019

Friederike Schweizer // Der Mammutbaum

Der Mammutbaum

von Vikarin Friederike Schweizer

Ich komme aus Zell am Harmersbach. Das ist eine Stadt im Schwarzwald. Es gibt dort eine lange Hauptstraße, auf der das Leben passiert. Diese Straße ist gesäumt von Fachwerk- und Jugendstilhäusern. Ich freue mich jedes Mal durch die Straße zu gehen und zu sehen, dass sich nichts verändert hat. Es schafft Ruhe in mir. Und kurz vor Weihnachten nach Hause zu fahren, ist für mich das Schönste. Ich plane meine Ankunft immer so, dass ich abends im Dunkeln ankomme.

An den Häusern entlang der Hauptstraße wurden kleine Tannen angebracht, die mit Lichtern geschmückt waren. Von weitem konnte ich schon unseren Mammutbaum sehen. Dieser Baum stand am Anfang der Hauptstraße. Im Sommer spendete er Schatten und im Winter wurde er zum Weihnachtsbaum aller Einwohner von Zell am Harmersbach. Er wurde zu Beginn der Adventszeit mit einer Lichterkette geschmückt. Jedes Jahr musste eine weitere Reihe von Lichtern dazu gehängt werden und jedes Jahr konnte ich den Baum deutlicher sehen, wenn ich nach Zell am Harmersbach hineinfuhr. Dieser Baum war das Wahrzeichen unserer Stadt. Schon als kleines Kind war es für mich faszinierend, einen so großen Baum zu sehen und dazu noch mit diesen wunderschönen Lichtern dran. Und das I-Tüpfelchen war, wenn noch Schnee lag. Wenn ich unseren Mammutbaum so festlich geschmückt sah, spätestens dann wusste ich: „Jetzt ist Weihnachten!“. Ich konnte allen Stress, der verhinderte, dass ich in diese besondere Weihnachtsstimmung komme, hinter mir lassen. Ich konnte mich dann wirklich so auf Weihnachten einstimmen.

Dann kam das Jahr 2011. Der Baum wurde von einem Blitz getroffen. Und zu der Zeit, als er eigentlich geschmückt werden sollte, wurde der Mammutbaum gefällt. Es war das erste Weihnachten, an dem ich spürte, dass zuhause die Zeit nicht stehen geblieben war. Dort, wo ich immer zur Ruhe kommen konnte. Dort, wo ich wusste wo alles war. Dort war jetzt etwas ganz anders. Und an Weihnachten wird es ganz offensichtlich. Wenn auf einmal Traditionen wegfallen. Wenn Geschwister oder Kinder nicht mehr mitfeiern, weil sie wo anders leben. Wenn plötzlich die neue Freundin des Bruders mitfeiert und Neues mitbringt.

An Heilig Abend schmücke ich den Baum. In meinem Fundus an Weihnachtsbaumschmuck finde ich Holzscheiben von dem Mammutbaum meiner Kindheit. So hängt der Mammutbaum beständig jedes Jahr an meinem Baum. Es erinnert mich, dass jedes Jahr Weihnachten ganz zuverlässig kommt. Ich darf jedes Jahr einen neuen Weg finden und immer das schönste Weihnachten feiern.

Bild: analogicus / Pixabay.de

 

Vikarin Friederike Schweizer

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