Freitag, 20. Dezember 2019

Anneliese Hofmann // So anders – und doch vereint

So anders - und doch vereint

von Vikarin Anneliese Hofmann

Da hocken zwei beieinander, als wären sie die besten Freunde. Der eine im Nadelstreifenanzug, blütenweißes Hemd und Krawatte. Der andere mit unzähligen Aufnähern auf seiner schwarzen Jeansjacke, das schwarz gefärbte Haar zu langen Stacheln gegelt. Die Augen schwarz ummalt. Mit diesen lacht er zu einem Sitznachbarn herüber.

Da hocken die beiden beieinander, als wären sie  die besten Freunde. Überlebensgroß auf einer Plakatwand auf die mein Blick immer dann fällt, wenn auf dem Heimweg der Zug in den Bahnhof einfährt. Zwei – zumindest äußerlich – grundverschiedene Menschen, die wie die besten Freunde zusammensitzen, weil sie etwas Entscheidendes miteinander verbindet. Was das war, weiß ich nicht mehr… War es eine Zigaretten- oder doch eine Fastfood-Werbung? Die beiden Männer, die habe ich noch bildhaft vor Augen. Bei aller augenscheinlichen Verschiedenheit keinerlei Berührungsängste.

Da hocken zwei beieinander. Der eine im seidenen Gewand, das schwere Falten wirft, mit goldbestickter Borte. Der andere in Lumpen, deren Fadenscheinigkeit allein der Dreck verbirgt. Zwei – zumindest äußerlich – grundverschiedene Menschen. Sie hocken beieinander – wie jedes Jahr zur Adventszeit – auf der Anrichte im Wohnzimmer meiner Eltern. Dahinter ein Spiegel, so dass man den beiden sowohl in den andächtig gebeugten Nacken, als auch ins Gesicht sehen kann.

Eigentlich – so habe ich über die Jahre gelernt – gehören die Hirten und die Weisen gar nicht zusammen, wie es die Krippe meiner Eltern vorgibt. Die Hirten gehören in die eine Geschichte, die Weisen in die andere. Die Szene im Wohnzimmer gibt es in der Bibel so nicht.

Mir gefällt diese uneigentliche Zusammenstellung.

Wie muss es da gestunken haben? Nicht im Wohnzimmer meiner Eltern, sondern in diesem Stall in Bethlehem. Im Stall zwischen den Tieren. Kalter Wind, der durch hölzerne Ritzen dringt.

Da hocken zwei nebeneinander – auf dem staubigen Stallboden. Ein von Samt umspanntes Knie, eins in Lumpen. Die Blicke beider auf das Kind in der Krippe gerichtet. Zwei – zumindest äußerlich – grundverschiedene Menschen. Hier sitzen sie zusammen. Weil sie etwas Entscheidendes miteinander verbindet.

Bild: geralt / pixabay.de

Vikarin Anneliese Hofmann

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