Sonntag, 1. Dezember 2019

Christian Rebert und Robert Schnücke // Wenn es anders kommt

Wenn es anders kommt

von Christian Rebert und Robert Schnücke

Robert
Mal ganz ehrlich – denkt er sich: Der Vorteil von einem Stammtisch ist doch, dass man endlich mal sagen kann, was einen ärgert. Einfach mal raushauen, was man sonst – aus Gründen – nicht sagen darf. Den ganzen Ärger, den ganzen Frust ablassen. Das tut ihm gut. Macht ihn vielleicht sogar zu einem besseren Menschen. Aber mal ganz ehrlich: Ein Stammtisch hat auch den Nachteil, ungefiltert hören zu müssen, was die anderen denken. Davon wird ihm manchmal ganz schlecht.

Christian
Im Spätsommer ist ihr Kind geboren. Ein wacher Junge. Im Tragetuch ist er meist ruhig. Deswegen wagen sie es, auch dieses Jahr ins Weihnachtsoratorium zu gehen. Das Kind ist frisch gewickelt, satt – mit erfolgreichem Bäuerchen. Es ist Zeit für sein Nickerchen. Gute Voraussetzungen – könnte klappen.
Es hebt wieder festlich an: Jauchzet, frohlocket…
Nach zehn Minuten finden sie sich wieder vor der Kirche. Das Tragetuch ist wohl doch keine Garantie für ein ruhiges Kind…

Robert
Das Capo ist ihre Bar. Hier treffen sie sich immer – zumindest diesen einen Abend im Jahr. Diesen einen Abend; alle mal wiedersehen. Sich austauschen. Hören, was es Neues gibt. Sie brauchen sich dafür nicht abzusprechen – es ist Tradition. Immer der 23. Dezember. Sie kommt früh. Sichert den größten Tisch, damit auch alle Platz haben. Eine Stunde später sitzen sie dort – zu zweit. Für die anderen scheint es Wichtigeres zu geben. So richtig geredet hatten sie noch nie miteinander – damals in der Schule schon nicht. Zumindest nicht über den üblichen Smalltalk hinaus. Manches wird aus der Not geboren. Weitere zwei Stunden später sitzen sie immer noch zusammen. Dann stehen die beiden auf und verabschieden sich herzlich – zum ersten Mal.

Christian
Die geliehenen Tische standen schon im Keller bereit. Der zweite Tortenboden war gerade im Ofen. Die Gäste checkten in der Pension ein.
Jetzt passte es ganz gut. Er ging mit seinem Freund rüber in die Kirche.
Sein Freund wollte die Orgel wenigstens kurz angespielt haben. Morgen sollte sein Sohn getauft werden. Sie stiegen auf die Empore.
Sein Freund testete die Register und lästerte über den Zustand der Orgel.
Christian musterte nochmal das Liedblatt, ob auch keine Tippfehler drin waren.
Sein Freund spielte ‚Liebster Jesu wir sind hier‘.
Er dachte an seinen Sohn und sang den Text in Gedanken mit: „Ja den Namen den wir geben, schreib ins Lebensbuch zum Leben.“ Tiefe Rührung ergriff ihn auf einmal. Da war so viel Dank – und Hoffnung. Er hätte fast geweint. Im Taufgottesdienst versuchte er, dieses Gefühl wieder zu erwecken – aber es gelang ihm nicht.

Robert
Advent heißt, Erwarten, dass da etwas kommt
und bereit sein, wenn es ganz anders kommt.

Christian
Advent heißt, morgen mit dem Christkind zu rechnen und nicht zurückzuschrecken, wenn heute ein ausgewachsener Christus auf dich zukommt.

 

Bild: Emilie Farris / unsplash.com

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