Freitag, 18. Dezember 2020

Nikolas Keitel // Auf dem Boden der Tatsachen

Auf dem Boden der Tatsachen

by Nikolas Keitel

Die Tür hinter mir fällt klackend ins Schloss. Ich richte den Kragen meines Mantels auf. Mich fröstelt schon der erste Windstoß. Ich gehe nur ein paar Schritte hinaus. Zum naheliegenden Park. Die Blätter tanzen den letzten Akt. Werden noch einmal getragen, empor, vom Wind. Bevor sie unweigerlich auf dem Boden der Tatsachen ankommen. Sie haben schon alle Farbe verloren. Wetter und Stimmung schalten wie jedes Jahr auf Vergänglichkeit. Die Kieswege sehen aus wie die Nordsee bei zunehmender Flut. Die Schritte suchen nach einer Furt.

Wäre ich Gott, ich würde Deutschland jetzt nicht besuchen.

Es ist kalt und nass. Die Menschen sind meist mürrisch und sie halten Distanz. Es gibt wenige Attraktionen. In diesem Jahr nicht mal Weihnachtsmärkte. Das Risiko einer Infektion – mindestens mit Schwermut und schlechter Laune – ist groß. Das Dunkel nimmt sich immer mehr vom Tag.

„Bleib lieber im Himmel, Gott,“ denke ich, den Blick nach oben gerichtet.

Die Nacht ist vorgedrungen. Im Dunkel schimmert etwas. Ich bleibe stehen. Blicke zu Boden, nach unten. Ein Stück des regengrauen Nachtteppichs wurde abgerissen. Für einen Moment. Ich nähere mich der Stelle. Mit vorsichtigen Schritten. Erst einer, dann zwei, dann drei, dann vier. In der Pfütze voll Matsch und Wasser ein Stern. Der Advent hat begonnen. Ist Gott vielleicht schon längst gekommen? Auf den Boden der Tatsachen?

 Bild: Alex Dukhanov / unsplash.com

 

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