Mittwoch, 18. Dezember 2019

Julia Frohn und Johannes Rebsch // Weihnachten der Sinne

Weihnachten der Sinne

von Julia Frohn und Johannes Rebsch

Eben war es noch laut. Ich musste schreien. Das Pfeifen des Windes ertönte in meinen Ohren. Hufe scharrten. Jetzt ist es ruhig. Gleichmäßige Atemzüge. Ab und zu ein Seufzer. Leise Schritte durchkreuzen den Raum. Erschöpft.

Eben war es noch laut. Überall Stimmengewirr. Tausenden Menschen trampelten von Stand zu Stand. Karusselle hupten. Adventslieder in Pop übertönten den restlichen Lärm.

Jetzt liegt der Tumult hinter mir. Die Flamme am Streichholz zischt auf. Dann: Stille.

Die Nase kribbelte. Es roch feucht und modrig. Angstschweiß vermischte sich mit dem beißenden Duft von Ochs und Esel. Jetzt drücke ich meine Nase an den Kopf meines Kindes. So riecht neues Leben, so riecht Glück. Frische Regenluft erfüllt den Raum.

 

Die Nase kribbelte. Düfte belohnten oder bestraften mich im Wechsel. Erst Schmalzkuchen, dann altes Pommesfett. Zimt und Nelken, dann billiger Alkohol. Wenn Kopfweh riechen würde, das wäre es wohl. Jetzt rieche ich das ausglimmende Streichholz. Hinzu kommt der Duft der noch handwarmen Kekse – Zimtsterne am liebsten.

Kalte Windstöße durchbohrten meine Kleidung. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Erst waren es nur Nadelstiche, dann Krämpfe, immer stärker, immer öfter. Jetzt ist der Schmerz abgeklungen – pures Glück. Wärme, wo eben noch Kälte saß. Ich streiche über die weiche Haut meines Sohnes – spüre seine kleinen Finger zärtlich auf meiner Wange.

Kalte Windstöße durchbohrten meine Kleidung. Die Kälte biss in die Nasenspitze. In der Masse treibend erwarb ich für viel Geld ein Glas billigen Glühweins. Von allen Seiten umgaben mich Menschen und drängelten sich an mir vorbei. Doch jetzt, für den Moment, durchströmt die Wärme des Weins meinen ganzen Körper.

Eben flimmerte noch alles, es war mir fast schwarz vor Augen. Sein bleiches Gesicht spiegelte mir meine eigene Kraftlosigkeit und Erschöpfung. Jetzt lächele ich und fühle die Freudentränen, über mein Gesicht laufen. Den kleinen habe ich sorgfältig eingewickelt – nur das Köpfchen ist zu sehen. Ich wiege ihn in meinen Armen. Wir sind eins. Alles ist wahr: Gott mit uns.

Eben schmerzten mir die Augen noch vor dem lauten Leuchten und Flimmern. In den Gesichtern sehe ich den Stress. In wilder Hektik wurden die letzten Besorgungen gemacht. Menschenmassen fluteten die Straßen. Jetzt sehe ich Freude in den Augen funkeln. Schmecke Liebe. Fühle Wärme. Und sehe wie das Kerzenlicht meinen Raum erhellt. Ich höre eine sagen: Gott mit uns.

 Bild: Dar1930 / pixabay.de

 

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