Donnerstag, 17. Dezember 2020

Heike Sieberns // Damals tickte es nicht

Die ruhigen Finger greifen zu den Zündhölzern.
Der Tag möge beginnen. Doch erst beim zweiten Versuch.
Es flackert ein kleines Licht. Erleuchtet ein zweites und erlischt. Die Flamme verzehrt den Docht. Eine Kerzenuhr. Form und Größe genau bestimmt. Immer zur selben Zeit. Der Kerzenstab ein aufrechtes Zifferblatt.

Am Turm erreichen die Zeiger die volle Stunde. Die Glocke schlägt. Die zweite danach. Unbeholfen stolpern sie in ihren Auftritt. Suchen den Rhythmus und finden ihn. Die Schläge jagen nicht mehr einander nach. Eingependelt rufen sie zum Gebet. Doch die Hände falten sich nicht. Packen zu und schaffen weg. Unten an den Docks treibt es. Wer seine Finger behalten will, ist jetzt wach. Das Schiff läuft ein, die Zeit läuft ab.

Zwischen Hafen und Horizont rieselt Sand von der einen Kugel in die andere. Eine raue Hand schlägt vier mal die Schiffsglocke. Die große Sanduhr ist durchgelaufen. Zeit zur Wachablösung. Eintrag ins Logbuch.
„Irgendwas, das ich wissen muss?“
„Ne… Ich leg’ mich hin.“
Wellen schlagen an den Schiffsrumpf.
Das Log fällt ins Wasser. Sand und Uhr werden gedreht. Das Seil wickelt sich von der Spule. Das obere Glas läuft leer. Eine Pranke greift zur Spule und setzt sie fest.
„18 Knoten!“

Kleinere Hände, nicht ganz so rau, schaben Teig aus der Schüssel. Der Teig fällt in den Mehlstaub auf der Arbeitsplatte. Der Zeigefinger fährt die Zeilen der Kladde entlang. „Kneten: 10 Vater Unser“
Die Hände verreiben Mehl in die Handflächen und bearbeiten den Teig. Leises Flüstern: „Vater Unser, der du bist im Himmel…“ Die Hände hören auf’s Gebet.
Jede Zeile eine eigene Bewegung.

Es flackerte. Es schlug. Es rieselte. Es betete.

Meine Zeit steht in deinen Händen.

Bild: congerdesign / pixabay.com

Vikarin Heike Sieberns

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