Dienstag, 17. Dezember 2019

Silvia Lüddecke // Heimreise

Mir ist kalt. Kein Wunder, es sind auch -4°C. Und trotzdem läuft mir der Schweiß den Rücken herunter. Auch kein Wunder, denn seit gut einer halben Stunde kämpfe ich mich durch, auf meinem Weg zum Bahnhof, den bestimmt 20kg schweren Trolley in der Hand. Und natürlich auch noch meinen grünen Rucksack auf dem Rücken. Die ersten paar hundert Meter waren gar nicht so schlimm. Aber dann musste ich über den Weihnachtsmarkt. An sich ja auch nicht schlimm, aber: Voll beladen und mit Zeitdruck kommt wenig Gemütlichkeit auf. Und noch weniger Verständnis für Menschen, die mit ihren Heißgetränken im Weg rumstehen. Platz da! Ich muss hier durch!

Abgekämpft erreiche ich pünktlich das Gleis. Und es folgen die nächsten Ernüchterungen. Die Idee, erst heute nach Hause zu fahren, hatten wohl doch mehr Menschen als ich gedacht hatte und nun stehe ich gemeinsam mit gefühlt 1000 weiteren Personen an Gleis 6 und warte. Denn, obwohl ich es zeitig geschafft habe, fehlt noch – der Zug. Der hatte bei dem Wetter wohl auch Probleme gut durchzukommen.

Sei’s drum, ändern kann ich es nicht und wenn ich ehrlich bin kann ich auch keinem anderen als mir selbst die Schuld dafür einräumen.

Auf einmal kommt eine freundlich lächelnde Frau auf mich zu. Das Gesicht gerötet von der Kälte, dick eingepackt in einen gelb-blauen Mantel. Sie streckt mir ein Lebkuchenherz entgegen und wünscht mir frohe Feiertage. Ich danke ihr und lächle zurück. In diesem Moment wird mir klar: Es geht nach Hause. Der Zug wird angekündigt und fährt ein.

Ich mache mich bereit. Der Kampf um die begehrten Sitzplätze beginnt und: Glück gehabt!

Ich lasse mich in den Sitz sinken und meinen Blick schweifen. Viele Menschen sitzen hier mit mir und haben wohl alle das gleiche Ziel. Über die Feiertage „nach Hause“ zu fahren. Was und wo auch immer das sein mag.

Glücklich sehen sie jetzt aus. Auch, wenn die letzten Tage und Wochen nicht nur besinnlich gewesen sind.

Und dennoch. Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, kommt „Feststimmung“ in mir auf. Ein Gefühl, das doch jedes Jahr das gleiche ist, seit frühester Kindheit an. Die Freude, Familie und Freunde wieder zu sehen. Mit ihnen gemeinsam auf dem überfüllten Weihnachtsmarkt zu stehen. Die vertrauten Abläufe an Heiligabend und dem ersten Weihnachtsfeiertag. Das Festessen. Die Aufregung, wenn man seine Geschenke erhält. Und natürlich der Gottesdienst. Darin die frohe Botschaft: „Euch ist heute der Heiland geboren!“

Aber eines Tages einmal wird alles anders sein. Ich werde nicht mehr ins Haus der Eltern fahren. Die vertrauten Personen werde ich nicht mehr um mich haben und selbst die Verantwortung für alles tragen.

Und auch dann wird Weihnachten sein.

Bild: Markus Spiske / unsplash.com

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