Freitag, 13. Dezember 2019

Femke Beckert // Die alte Bäckerei

Schritt für Schritt stieg sie die Treppe hinunter. Sie hatte eine Hand am  Treppengeländer, in der anderen hielt sie den Schlüsselbund. Über vierzig Jahre hatte sie das mehrmals am Tag getan ohne groß darüber nachzudenken. Jetzt kam sie nur noch manchmal hier herunter. Der einstige Alltag war zur seltenen Ausnahme geworden. Sie öffnete die Tür, knipste das Licht an und ging einmal quer durch den Raum, um den Ofen anzuschalten.

Die alte Familienbäckerei. Die drei Jungs hatten alle dankend abgelehnt. Sie konnte es ihnen nicht verübeln. Sie waren in der Backstube und im angrenzenden Laden aufgewachsen und wussten, was der Beruf mit sich brachte. Theresa erinnerte sich, dass die Haare der Kinder abends beim zu Bett bringen immer nach frischem Brot gerochen hatten. Neben ihren Eltern und Geschwistern waren auch die Mitarbeiter Teil der Familie gewesen. Wenn die Kinder hungrig aus der Schule kamen, reichten sie den Jungs eine Semmel und fragten, wie ihr Tag gewesen war. Theresa hatte das oft leidgetan. Neben dem täglichen Brot anderer Leute hatte sie nur wenig Zeit für ihre Söhne gehabt. Aber so war das nun mal, wenn man einen Familienbetrieb führte. Sie fühlte sich immer verantwortlich. Dafür, dass alles lief…

Und es lief… Bis zu Erichs Herzinfarkt. Da mussten sie die Reißleine ziehen. Das Geschäft aufzugeben, war beiden unheimlich schwergefallen. Nun gab es im Dorf nur noch die pappigen Brötchen vom Supermarkt. Als Erich wieder auf dem Damm war, hatten sie sich ihren Traum von einem richtigen Urlaub erfüllt. Nach und nach fanden sie sich zurecht in ihrem neuen Leben, das nun nicht mehr von der Bäckerei bestimmt war. Trotzdem versetzte es Theresa jedes Mal einen kleinen Stich, wenn sie hinunter in die Backstube kam und die großen glänzenden Maschinen sah. Zuletzt waren sie im Sommer hier unten gewesen und hatten dem Jüngsten eine Hochzeitstorte gebacken. So ganz konnten sie es eben doch nicht lassen. Unvorstellbar, das in fremde Hände zu geben!

Genauso unvorstellbar war eine Adventszeit ohne Plätzchen, Stollen und Lebkuchen. Der Gedanke daran hatte Theresa traurig gemacht. Dabei war das Weihnachtsgeschäft immer Stress gewesen. Dennoch konnte sie die Vorstellung nicht ertragen, dass dieses Jahr alles anders werden sollte. Dann war ihr eine Idee gekommen. Theresa hatte alle eingeladen:

Die ehemaligen Mitarbeiter mit ihren Familien und auch die Söhne mit Kind und Kegel. Sie wollten gemeinsam backen und essen und erzählen und zusammen sein.

Das, was früher Arbeit gewesen war, durfte nun Genuss werden.

Die Ladentür klingelte. Theresa schaute um die Ecke. Ihr Enkel stürmte ihr in einer weißen Kinderschütze und mit einem winzigen Nudelholz in der Hand entgegen. Theresa öffnete die Arme. Adventsbacken in der alten Bäckerei. Mit Familie und Freunden. Plätzchen, Stollen, Lebkuchen. Irgendwo fangen alle Traditionen einmal an.

 

Bild: Marc Markstein / unsplash.com

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