Donnerstag 12. Dezember 2019

Hanna Lausen // Die Wiederentdeckung von Weihnachten

Die Wiederentdeckung von Weihnachten

von Vikarin Hanna Lausen

Jedes Jahr am 24. Dezember verwandelt sich der Pionerskaja Ploschad, der Platz der Pioniere in Sankt Petersburg, in eine Stadt aus Holzhütten. Dann öffnet hier der Weihnachtsmarkt, der bis zum 6. Januar Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Wer auf der Suche nach Lebkuchen und Glühwein ist, muss sich schon etwas genauer umschauen. Stattdessen duftet es aus den Hütten nach geräuchertem Fleisch und Fisch und süßlichen Honigspeisen. Während also in Deutschland die Spekulatius wieder im Schrank verschwinden, blickt man in Sankt Petersburg voller Vorfreude auf den bevorstehenden Heiligen Abend der russisch-orthodoxen Christen am 6. Januar.

Unter der Herrschaft der Sowjets war das Weihnachtsfest in Russland lange Zeit verboten. Seit der Oktoberrevolution 1917 tauchten die Weihnachtstage nicht einmal mehr im Kalender auf. Mit handgeschriebenen Liedern auf Servietten wurde Weihnachten heimlich gefeiert. Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 ist Weihnachten in Russland wieder ein offizieller Feiertag. Gefeiert wird am 6. und 7. Januar die Geburt Jesu Christi, datiert nach dem julianischen Kalender. Dem voraus geht eine 40-tägige Fastenzeit. Die Gläubigen bereiten sich so auf die Menschwerdung Jesu vor. Damit beginnt die russisch-orthodoxe Adventszeit bereits im November; keine Zeit des Überflusses, keine Zeit der Schlemmereien auf irgendwelchen Weihnachtsmärkten, sondern eine Zeit des bewussten Verzichts.

Im Alltag ist davon spätestens seit der westlichen Reisewelle kaum noch etwas zu spüren. Anfang Dezember beginnen die Einkaufsstraßen mit üppigem Girlandenschmuck und LED-Lichtern Weihnachtsstimmung zu verbreiten, um kaufwütige Kunden anzulocken. Das Eislaufen durch die Straßen der Stadt wird zu einem Weihnachtsvergnügen, das so manch einem verdrossenen Deutschen die lang ersehnte eisige Adventszeit beschert. Davon zeugt auch der Petersburger Weihnachtsmarkt als funkelnd weißes Wintermärchen.  

Wem es jedoch auf dem Pionerskaja Ploschad gelingt für einen Augenblick die Augen von den kulinarischen Köstlichkeiten loszureißen und in Richtung des Flusses Newa zu richten, dessen Blick fällt unweigerlich auf die Kuppel der Kasaner Kathedrale. Sie ist von weit her zu sehen und erinnert an den Petersdom in Rom. In den Wintermonaten ist diese zumeist von einer dicken Schneeschicht überzogen. So erstrahlt sie in einem kristallenen Glanz über der Stadt. In der Nacht vom 6. auf den 7. Januar feiern die russisch-orthodoxen Christen hier eine große Weihnachtsmesse, die mit einer Lichterprozession endet. So feiern sie die Geburt Jesu Christi. Und manch einer von ihnen gedenkt wohl jedes Jahr mit der Kerze in der Hand der wiedergewonnenen Freiheit, Weihnachten überhaupt feiern zu dürfen.

Bild: Aurelian Romain / unsplash.com

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