Samstag, 12. Dezember 2020

Jan Holzendorf // Holy Shit

„Julia kommt übrigens auch mit, ist doch ok, oder?“

Dabei hatte er sich das alles schon ganz genau angesehen letzte Woche, hatte sich überlegt, wie alles laufen sollte. Zunächst würden sie sich an der großen Kirchentür treffen. Das war zwar nicht originell, aber so war sicher, dass sie sich auch fanden. Max sollte ja nicht schon genervt sein, bevor es eigentlich losging. Dann würden sie linksrum gehen. Da waren zwar nur langweilige Stände, Kerzen und sowas, aber sie würden sich ein wenig unterhalten und sowieso nicht richtig hinschauen und das Wachs roch immerhin gut. Danach kam der Stand mit den albernen Glasfiguren, wo er sich immer fragte: Holy shit, wer kauft so einen Mist? Genau das würde er auch mit einem Blick auf den riesigen Glasengel sagen, der immer ganz rechts stand, und vorher würde er Max am Arm berühren, um ihn darauf hinzuweisen. Dann würde Max sicher lachen oder ein wenig lächeln, und ganz zufällig würden sich ihre Hände berühren und dann musste er improvisieren, weil er nicht wusste, wie Max reagierte, aber vielleicht könnte er kurz ein bisschen zudrücken oder seine Hand streicheln oder was auch immer. Da war er einfach noch zu unerfahren, das musste er abwarten. Weihnachtszeitheiligezeit, Fest der Liebe, aber wenn doch alles scheiße lief, dann konnte er noch immer behaupten, sie wären sich im Gedränge einfach zu nahe gekommen. Weil, das nervte natürlich am Weihnachtsmarkt mega, dass da alle immer gegen einen rempelten. Und dann käme danach der Glühweinstand, der den Kinderpunsch als Apfelpunsch verkaufte, was genau so heftig schmeckte, aber weniger peinlich klang. Und dann würde er Max einladen auf einen Apfelpunsch, denn Glühwein durften sie ja noch nicht, auch wenn das mega gewesen wäre: den ersten Glühwein zusammen. Danach kam dann schon die Bude, wo es Crêpes gab und wenn bis dahin alles gut lief, dann wollte er Max noch auf einen Crêpe einladen. Nur musste er da auch etwas aufpassen, denn sein Taschengeld war nicht so unnormal hoch wie bei anderen. Jeder normale Mensch nahm ja sowieso Crêpes mit Nutella, dann konnte er sich noch genau zwei leisten, aber wenn Max etwas von den teureren Sachen nahm, Kinderschokolade zum Beispiel oder Käse und Schinken, dann musste er auf Zimt und Zucker ausweichen, damit die Rechnung wieder aufging.

So hatte er sich das alles gedacht, nur jetzt kam offensichtlich Julia noch mit und holy shit, jetzt wusste er halt auch nicht mehr.

Bild: chriswanders / pixabay.com

Vikar Jan Holzendorf

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