Mittwoch, 11. Dezember 2019

Martin Rudolf Michael Hauffe // Die Weihnachtspyramide

Die Weihnachtspyramide

von Vikar Martin Rudolf Michael Hauffe

Zur Adventszeit holen wir in meiner Familie immer eine Weihnachtspyramide hervor.  Das ist im Grunde ein Adventskranz, aber aus Holz, mit Figuren auf einer Drehscheibe. Die Hitze der Kerzen treibt ein Windrad an, dass die Drehscheibe dreht.  Meine Pyramiden hat einen Hirten und seine Schafe.  Sie ist schon recht alt, die Flügel sind ein bisschen angesengt.  Die Schafe sind schon eher beige als weiß und dem Hirten ist irgendwann mal sein Hirtenstab abhanden gekommen. Aber, wenn man alles richtig aufbaut, dann kann man den Schafen dabei zusehen, wie sie um ihren Stall herum laufen. Es hat etwas Beruhigendes, sie bei ihrem Lauf zu betrachten und, wenn man die Flügel ein bisschen anders dreht, dann laufen sie auch mal rückwärts. Manchmal stelle ich mir vor, dass dann die Zeit selbst rückwärts läuft.  Zurück, dahin, wo es langsamer und ruhiger in meinem Leben war.

Das ist nur eine kleine Familientradition. Nichts Großartiges. Wenn ich meine Schafe betrachte, dann laufen sie jedes Jahr im gleichen Kreis. Von außen könnte das fast schon langweilig anmuten. Doch gerade weil meine Schafpyramide nicht so aufwendig ist wie ein Weihnachtsmarkt, nicht so intensiv wie ein musikalisches Großaufgebot an Chören, gerade weil sie ein bisschen armselig ist, verglichen mit den Lichtspektakeln in Film und Fernsehen, schafft sie es klarzumachen, worum es mir im Advent eigentlich geht.  Um die Vorbereitung auf Gott. Den finde ich aber nicht in Lärm und Licht und Chaos.

Wenn ich meine Schafe betrachte, dann erinnern sie mich an eine Bibelgeschichte.  Da ist ein Mann namens Elia, der ebenfalls auf Gott wartet: Da zog Gott vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging ihm voraus. Doch er war nicht im Sturm. Danach kam ein Erdbeben. Doch Gott war nicht im Erdbeben.  Danach brannte alles lichterloh. Doch Gott war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Erst als Elia das hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich vor Gott.

Familientraditionen, wie meine Schafpyramide helfen mir dabei, eine andere Stimmung zu erzeugen.  Sie erden mich, weil sie mir bekannt sind, sicher und stabil. Sie erfüllen mich jedes Jahr aufs Neue zuverlässig mit Freude.  Und sie helfen mir, ohne großen Aufwand, zur Ruhe zu kommen, mich auf Gott auszurichten und das Chaos hinter mir zu lassen.  Denn wenn die Marktstände leer, die Musiker nach Hause gegangen und das Lichterspiel zu Ende ist, wenn all die großartigen Effekthaschereien vorbei sind, dann laufen meine Schafe immer noch. 

Bild: Counselling / pixabay.de

Vikar Martin Rudolf Michael Hauffe

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