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Dienstag, 18. Dezember 2018

Ronja Hallemann // Omas Stollen

Advent war bei uns nie langweilig.

Eine von uns drei Schwestern hatte ihren Adventskalender jedes Jahr spätestens am 10. Dezember schon vollständig geplündert. Und aus den Türchen der anderen fehlte dann auch auf unerklärliche Weise immer mal wieder etwas.

Omas Back-Nachmittage glichen einer bunten Experimentierstunde. Zum Beispiel werden Gummibärchen auf Keksen so hart, dass man sie eigentlich nicht mehr beißen kann. Opa musste trotzdem wie immer alle Reste aufessen. Spätestens bei Omas geliebtem Stollen verließ uns allerdings jedes Jahr die Geduld.

An einem Adventssonntag stand unser Adventskranz in Flammen. Papa warf ihn unter lautem Jubel von uns Kindern und den entsetzten Blicken von Mama aus dem Fenster in den verregneten Garten. Der Brandfleck auf dem Wohnzimmertisch sah aus wie eine große dunkle Wolke. Ab dem 1. Dezember wanderten Maria, Joseph und der König mit dem krummen Rücken durch Bücherregale, Topfpflanzen und über den Fernseher zur Krippe. Und einmal war das Jesuskind einfach nicht aufzufinden. Wir sahen es erst an Ostern in einer Kiste zwischen Osterhasen und bunten Eiern wieder.

Ich wusste, dass sich irgendwann etwas ändern würde, aber ich war mir auch sicher, dass wir uns zusammen einen neuen Advent suchen. Ich weiß nicht, wie ihr da draußen Advent feiert, ob es bei euch einen Wohnzimmertisch mit einer dunklen Wolke gibt und ob Maria und Joseph auch durch eure Wohnungen wandern.

Aber ich weiß, dass ich unseren Advent vermisse. Und ich weiß, dass ich warte und hoffe und immer noch so sehr darauf vertrauen möchte. Auf etwas Neues. Und darauf, dass einer mit mir wartet. Nicht nur im Advent. Ich würde dann auch Omas Stollen backen.

Vikarin Ronja Hallemann

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