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Donnerstag, 13. Dezember 2018

Juliane Hillebrecht // Das Gefühl der hoffenden Unvollständigkeit

Das Gefühl der hoffenden Unvollständigkeit

von Vikarin Juliane Hillebrecht

Geschichten. Die gehören für mich zur Adventszeit einfach dazu. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich früher meinen Eltern und Geschwistern an den Lippen hing, wenn sie mir vorlasen. Ich konnte ganz genau spüren, dass jetzt eine besondere Zeit beginnt. Und dass ich nicht allein dastehe mit meiner Vorfreude.

Noch heute reicht ein kurzer Blick in das Buch über Michel aus Lönneberga und ich sehe ihn ganz genau vor mir, den kleinen Hof Katthult, der vor Weihnachtsvorbereitungen zu glühen scheint. Da werden Kerzen gezogen. Der Boden wird gewienert. Die Vorratskammer wird gefüllt, bis sie fast zu bersten droht. Und der freche Michel wird mit einem Korb voller Leckereien in das Armenhaus geschickt. Es ist ein ganz kleines Detail, das mich heute an dieser Geschichte fesselt: Eines Morgens greift Michels Vater mit beiden Händen in den Hafer, füttert die Spatzen und ruft: „Es ist natürlich eine wahnsinnige Verschwendung. Aber wenn Weihnachten ist, sollen es die Spatzen auch einmal gut haben.“

Er teilt für einen kurzen Augenblick mit den Tieren des Himmels seine Freude. Aus einem inneren Gefühl heraus, seinem Verstand zum Trotz. Vielleicht war es nur ein Impuls und er hat sich gar nicht so viele Gedanken gemacht. Vielleicht ahnt er aber auch, dass die Ankunft des Herrn, die wir in der Adventszeit erwarten, nicht nur für uns Menschen spürbar sein wird.

Dass wir nur ein kleiner Teil der Schöpfung sind. Dieser Gedanke wärmt mein Herz. Und schenkt mir trotz der Unvollständigkeit, mit der wir Menschen diese Vorstellung leben, die leise Hoffnung auf ein nächstes Kapitel unserer Schöpfungsgeschichte.

Vikarin Juliane Hillebrecht

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